Dresdner Gespräche

Ich hatte den Tweet schon fertig. Ein Zitat von Neil MacGregor, britischer Kunsthistoriker und ehemaliger Direktor des British Museum in London, mittlerweile Intendant des Humboldtforums in Berlin. Ein Exzerpt seines Interviews mit dem Guardian vom April 2016, in dem er sagt, dass er es bemerkenswert (“striking”) findet, dass die Deutschen an zentralen Plätzen ihrer Hauptstadt Mahnmale ihrer Schandtaten errichtet haben (“in the centre of Berlin you keep coming across monuments to national shame”). Er sprach in der Mehrzahl, vermutlich hatte er auch Checkpoint Charlie oder das Marx-Engels-Denkmal vor dem Roten Rathaus im Sinn, die ja nun auch nicht grad an eine rühmliche Etappe der deutschen Geschichte erinnern. Oder die Denkmale für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Homosexuellen (am Tiergarten), Sinti und Roma (südlich des Reichstag) oder Euthanasie-Opfer (Tiergartenstraße 4 in Mitte).

Aber natürlich hat jeder zuerst das Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Sinn. Ein Mahnmal auf 19.000 m² im historischen Zentrum Berlins. Sinnbild und Erinnerung für beispiellose Gewalt und die größte Schande in der deutschen Geschichte.

Eine großartige Geschichte übrigens.

Wir haben Gutenberg und den Buchdruck, Luther und die Reformation, Goethe und Schiller, deutsches Bier und deutsche Wurst, Schneewittchen und Mutter Courage.

Karl den Großen, Agricola, Bach, Heine, Beethoven, Mann, Wagner.

Meißner Porzellan, die Normalverteilung, staatliche Sozialversicherung, das Drahtseil.

Kopernikus, Kant und den Kaffeefilter.

Schmeling, Schumacher und ja, was soll der Geiz: Schweinsteiger (Nehmen Sie Sophie Scholl falls Ihnen dieses S zu profan ist.).

Autos (Carl Benz) und Computer (Konrad Zuse) wären ohne deutschen Erfindergeist nicht oder zumindest nicht so früh denkbar, Einstein ist gebürtig aus Ulm.

An viele dieser historischen Persönlichkeiten und Ereignisse erinnern Denkmäler, Gedenkstätten, Jubiläumsfeiern, Memes. Hermanns- und Völkerschlachtdenkmal sind Denkmale historischer Siege, das Holstentor gedenkt der Hanse und die Zeche Zollverein der europäischen Industriekultur. Aachen, Speyer, Köln, Hildesheim und Trier beherbergen religiöse Bauten von weltweit anerkannter Bedeutung, das Bauhaus die einflussreichste Bildungsstätte im Bereich der Architektur, der Kunst und des Designs im 20. Jahrhundert.

Die Betonstelen inmitten von Berlin sind ein Denkmal der Schande. Wir stehen nicht nur für großartige Leistungen in Kunst, Kultur und Politik, sondern auch für ein beispielloses Verbrechen an der Menschlichkeit. Mit diesem Denkmal macht das deutsche Volk klar, dass es sich seiner historischen Verantwortung bewusst ist.

Verantwortung. Nicht Schuld.

Schuld ist persönlich. Die wenigsten der heute lebenden Deutschen tragen eine Schuld für nationalsozialistische Verbrechen. Sowas betrifft ehemalige, mittlerweile rollstuhlfahrende KZ-Aufseher. Wehrmachtssoldaten, die tschechische oder ukrainische Dörfer zusammen geschossen haben. Niemand nach sagen wir etwa 1935 Geborener ist an irgendetwas schuld. (Bevor Sie jetzt schnappatmen: Die Zahl orientiert sich am letzten Jahrgang, der der Jugenddienstpflicht unterlag.) Aber wir tragen eine Verantwortung. Die Verantwortung dafür, dass ein Verbrechen insbesondere diesen Ausmaßes nie wieder passieren darf. Diese Verantwortung trägt die ganze Welt, die Deutschen aber eben aufgrund ihrer Geschichte besonders.

Soweit mein Verständnis.

Und dann kommt Bernd Höcke mit seiner wohlkalkulierten Brandrede daher, erwähnt die Formulierung “Denkmal der Schande” und jedes Medium, sei es ‘Mainstream’ oder social, springt darauf an wie ein Hund aufs Stöckchen.
Nazi!
Antisemit!
Genau wie Goebbels!
Wehret den Anfängen!
Ja, alles richtig. Aber doch nicht wegen dieser Denkmal-der-Schande-Bemerkung. Der hat ganz andere Dinger gebracht und mindestens einer seiner Vorredner klang insgesamt sogar noch bedenklicher. Aber den kennt halt keiner. Die Wenigsten haben den Livestream dieses – nun ja – kuriosen Abends komplett verfolgt, die persönlich Anwesenden glänzten eher durch grölende Zustimmung als historische Reflektiertheit. Man kriegt halt diesen Schnipsel mit und entrüstet sich darüber. Läuft ja parallel das Dschungelcamp, das ist deutlich unterhaltsamer und bringt auch mehr Favs.

An dem Punkt ist mir dann klar geworden, wenn ich jetzt nur das Zitat von Neil MacGregor tweete, gibt’s Beifall von der falschen Seite und Entrüstung von den Berufsentrüsteten. Also hab ich mir die Mühe gemacht, Bernd Höcke zuzuhören. Ihm und allen anderen, die an diesem Abend irgendetwas gesagt haben. Ich weiß zwar u.a. deswegen immer noch nicht, wer gerade live bei RTL Schaben verzehrt, werde das aber selbstverständlich nachholen. Prioritäten und so.
Hier nun also meine Zusammenfassung der Veranstaltung vom 17.01.2017, basierend auf dem Livestream von CompactTV auf youtube.com:

Die HJ, JA (“Junge Alternative”, Nachwuchsorganisation der AfD) hatte zur Veranstaltungsreihe “Dresdner Gespräche” ins Ball- und Brauhaus Watzke geladen, einem traditionsreichen Restaurant mit hauseigener Brauerei im Dresdner Stadtteil Mickten, das seine Rolle als Gastgeber inzwischen mehr als bereut.
Begonnen wurde mit einer Schweigeminute für Udo Ulfkotte, dem bedauerlicherweise vor seiner Zeit verschiedenen Autor von journalistischen Standardwerken wie “Albtraum Zuwanderung. Lügen, Wortbruch, Volksverdummung” oder “Politische Korrektheit. Von Gesinnungspolizisten und Meinungsdiktatoren.”.
Nächster Programmpunkt waren die Grußworte der Dresdner AfD-Direktkandidaten Stefan Vogel und Jens Maier.

Highlight der Rede von Herrn Vogel – optisch Typ zerstreuter Professor und rhetorisch eher in der Boris-Becker-Liga – war sein Ausblick auf die Bundestagswahl 2017. Blöderweise hatte er diesen Punkt nicht mal ansatzweise durchdacht:

“Seit 2014 in Dresden.”
(Publikum wird unruhig)
“Seit 2016 im Land Berlin!”
(zustimmende Zwischenrufe)
“Und ab 2017 soll das im Bund stattfinden!”(aufbrandender Applaus, das Publikum dachte offensichtlich, er spricht von den Erfolgen der AfD)
“ROT-ROT-GRÜN!!!”
(Applaus verhallt, vereinzelt peinlich berührtes Kichern. Halt blöd, wenn man nicht genau weiß, in welchen Parlamenten man grad so sitzt)

Jens Maier macht da schon einen ganz anderen Eindruck. Souverän, selbstsicher, informiert. Er beginnt mit seiner Vorfreude, bald neben einem aufrechten Patrioten (raten Sie, wen er meint) sitzen zu dürfen und wundert sich nicht, dass die NPD (tagaktuelles Urteil) nicht verboten wurde. Er mutmaßt, dass die “Kameraden” (yep, ich zitiere hier) grade feiern und referiert des Weiteren, dass die NPD nicht wegen Verfassungsschutz oder etablierten Parteien marginalisiert und deshalb zu unbedeutend für ein Verbot ist, sondern weil die AfD mittlerweile “den Patrioten im Land eine echte Heimat bietet”. Das Bemühen der NPD um eine “gerechte Bewertung der Vergangenheit” machte es dem politischen Gegner leicht, sie zu diskreditieren. “Diese Partei war und ist nicht zukunftsfähig. Nun sind wir da. Wir sind die neue Rechte.” (Applaus)

”Wir schauen in die Zukunft und sind stolz auf das, was seit dem zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde. Im Jahr 1945 sah es in vielen Städten Afrikas besser aus als damals in Deutschland. Aber was machen die aus ihren Möglichkeiten und was ist seitdem in Deutschland [unverständlich, im Zusammenhang vermutlich ‘passiert’ oder ‘geschehen’]?”
Sie haben schon Puls? Nicht doch, jetzt kommt erst das Beste.
Jens Maier ist ja nun einmal rednerisch in Afrika, also entblödet er sich nicht, das schwierige Standing seiner Partei mit den Anfeindungen zu vergleichen, denen sich der südafrikanische Bürgerrechtler Steve Biko ausgesetzt sah. Er umreißt kurz die Black-Consciousness-Bewegung (er spricht es “Conseschoniss” aus, im Kontext wird aber klar, was gemeint ist) und bemerkt dann, dass sich Deutschland nach ‘45 in einer ähnlichen Lage wie die apartheidsgebeutelte schwarze Bevölkerung Südafrikas in den 70ern befand. Uns wurde auch immer eingeredet, dass wir nichts wert sind, dass Auschwitz praktisch die Folge deutscher Geschichte wäre. Luther wurde als Antisemit dargestellt (der er historisch belegbar zweifelsohne war, aber das sieht Jens nicht so eng), Deutschland als Land der Verbrecher.

Diese ganze “Umerziehung”, das “eingeredete Schuldbewusstsein” ist u.a. Grund für die Schreihälse vor dem Saal und ‘Bomber Harris do it again’-Schriftzüge auf nackten Frauenkörpern. Herr Maier meint, wir müssen uns wie damals die Black-Conseschoniss-Bewegung aufrichten, sein Mittel der Wahl ist der deutsche Patriotismus (Applaus): “Ich erkläre hiermit diesen Schuld-Kult für beendet, für endgültig beendet!” (noch mehr Applaus).
Wenn wir endlich aufhören, das Eigene zu hassen, merken wir auch, dass das Aufgehen Deutschlands in einer EU als Verwaltungsbezirk und die aktuell stattfindende Herstellung von “Mischvölkern”, um nationalen Identitäten auszulöschen inakzeptabel sind und blablabla Sarrazin, blablabla neue Stärke, blablabla Schützen der Grenzen, blablabla rechtsstaatliche Ordnung, blablabla…

Maier gibt zum Abschluss seines Grußwort noch kurz das Goebbels-Höcke-Fangirl. Er besitzt wohl eine Einkaufstasche mit dessen Konterfei, auf den ihn eine Edeka-Verkäuferin mit den Worten “Das ist doch gar nicht Che Guevara.” ansprach. Antwort Maier: “Das ist Bernd Höcke, das ist meine Hoffnung.” (Begeisterung im Publikum)
Weil die Damen dort auch nicht anderes zu tun haben, als über die Beutel ihrer Kunden zu sinnieren. Is klar Jens.

Soweit, so besorgniserregend.
Nachdem der Moderator die Kollegen der HJ JA mit der Kollekte rumgeschickt hat, weil kostet ja alles, nun der nächste Höhepunkt am Rednerpult: Markus Mohr, Freund der HJ JA Dresden und Stadtrat in Aachen. Googeln Sie den bei Gelegenheit, einen besseren Anheizer für den Stargast des Abends hätte es nicht geben können. Im Gegensatz zu Bernd hat es dieser stets geschniegelt-gebügelte Bankkaufmann mit seinen 32 Jahren sogar schon mal geschafft, aus der AfD ausgeschlossen zu werden und inzwischen weiß wohl jeder, wie schwierig das ist.
Thema seines Vortrages: Soziale Gerechtigkeit aus alternativer Sicht
Here we go.
Sein zu anfangs recht kühn geschlagener Bogen von einer Spendensammlung für die Frauenkirche vor knapp 20 Jahren zu Dresden als beispiellosem Symbol für Leidensfähigkeit, Widerstandswillen und Wiederaufbauwillen erschließt sich nicht jedem sofort, aber zumindest hat jeder im Saal erstmal kapiert, dass sie den Markus zwar nicht kennen, der aber Dresden ganz super findet. Man ist sich einig, “dass wir als Volk einander beistehen, wenn Not am Mann ist.”

Nachdem diese Verbindung einmal hergestellt ist, hat er noch ne Viertelstunde Redezeit und ich mach erst mal den Wein auf. Weil das mit dem Bogen so gut geklappt hat, schlägt Markus gleich den nächsten: Mit den wirtschaftlichen Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der Agrar-Gesellschaft zur Industrialisierung wurde “die weiße Welt zum Pionierflügel der Menschheit”. Ja, die WEISSE Welt. So etwa um Minute 30 des Livestreams sagt er das tatsächlich, schauen Sie ruhig nach. Hier trat dann der deutsche Wissenschafts- und Erfindergeist auf den Plan. Wilhelm Konrad Röntgen, Robert Koch, Felix Hoffmann, Max Planck, Gottlieb Daimler, Rudolf Diesel, Werner von Siemens, Robert Bosch: “Es ist der Genius eines Volkes, das der Welt noch viel zu sagen haben wird. Die Moderne brach in Deutschland durch und Deutsche verhalfen der Moderne zum Durchbruch.” Auch auf die Probleme dieser Zeit wie Kinderarbeit, Verelendung und Massenarmut weiß die deutsche Nation eine in der Welt einzigartige Antwort: die deutsche Sozialpolitik.
“Wir Deutsche, wir waren immer ein außerordentlich ehrgeiziges und leistungswilliges Volk. Aber zugleich auch eines, in dem Solidarität besonders groß geschrieben wurde.” In kaum einem anderen Land konnten sich Arme empor arbeiten, gab es eine so breite Mittelschicht. Nach diesem Loblied auf die deutsche Gründerzeit und unter großzügiger Auslassung des restlichen 19. und vor allem 20. Jahrhunderts kommt Markus nun zur Gegenwart. Ruiniertes Bildungssystem und “Faustrecht”-Kapitalismus, bestens verdeutlicht durch sozialdemokratisch verschuldete HartzIV-Gesetze, Leiharbeit zur Aushebelung des Kündigungsschutzes, unsichere Lebensverhältnisse durch befristete Arbeitsverträge, drohende Altersarmut.
Markus referiert dann noch über illegale Einwanderung, Leute die hier nie etwas beigetragen haben und trotzdem Leistungen erhalten (der Saal skandiert “Ab-schie-ben!”). Ja sogar noch schlimmer, diese Leute werden bevorzugt. In Aachen, wo er ja Ratsherr ist (also Stadtrat, in Aachen nutzen sie halt lieber die etwas altertümliche Bezeichnung, klingt irgendwie cooler), müssen sich vom Staat Abhängige ihr WLAN vom Mund absparen, für Flüchtlinge soll das kostenloses Grundrecht werden. Für Grundschulen gibt es kein Geld, Hilfspakete für minderjährige Flüchtlinge werden im Dutzend geschnürt.

Das Publikum reagiert wie gewünscht. Und mittlerweile glaube ich, ich hätte diesem Nachwuchs-Demagogen ebenfalls zugestimmt. Die Stimmung im Saal wurde jetzt seit 40 Minuten immer mehr in eben dieser rassistischen, revisionistischen, antielitären Tonlage befeuert, die triste Gegenwart immer wieder historischen Großtaten gegenüber gestellt.

Unsichere Lebensverhältnisse durch Leiharbeit und Befristungen sind für viele Realität. Aktuell geht’s aber Urlaub ist nicht drin, kann ja sein, es geht ab Januar nicht weiter. Von HartzIV und Mindestlohn nicht zu reden, hier hangelt man sich jeden Monat mehr oder weniger durch. Fürs Essen reicht’s, die Haare schneid ich mir selber und ob die Socken ein Loch haben sieht man ja nicht, wenn ich Schuhe anhabe.
Trotzdem ist Deutschland ein sozialpolitisches Paradies. Ich bin kein Fan von HartzIV, aber letzten Endes bedeutet es, dass man auch komplett ohne eigenen Verdienst ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen hat, kostenlos ärztlich versorgt wird und keine GEZ bezahlen muss.

Zur Gründerzeit sah das anders aus. Ich nenne nur Stichworte wie ‘Pauperismus’ oder ‘soziale Frage’. Die Sozialgesetzgebung eines Otto von Bismarck war nichts anderes als eine dringend notwendige Antwort auf die immer mehr zum Problem werdende Verelendung des deutschen Volkes, kein Akt der von Markus Mohr herbei phantasierten deutschen Solidarität. Ich darf Otto von Bismarck zitieren:

„Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“

Soweit die historischen Fakten. Die Markus aber eher peripher interessieren. Er stellt die wichtigen Leistungen bedeutsamer Deutscher in direkten Zusammenhang mit der aktuellen allgemeinen Situation. Tenor “Wir waren mal ein heroisches Volk, man hat uns zu Bittstellern gemacht.” Ein rhetorischer Kniff, den die wenigsten in ihrer Euphorie durchschauen.
Zum Schließen der Schere zwischen Arm und Reich hält Markus sowohl Vermögenssteuer als auch Finanztransaktions- und Erbschaftssteuer für probate Mittel (die seine Partei allesamt abschaffen will, aber das hat sich wohl noch nicht bis zu ihm rumgesprochen). Außerdem scheint er Fan des bedingungslosen Grundeinkommens zu sein. Auf diesem Weg könnte sich beispielsweise ein Schmied risikolos der Darstellung von Eisenwaren “nach Art unserer Ahnen” widmen (und ich dachte schon, wir wären uns hier einig…würg).

Jedenfalls ist eine Veränderung der deutschen Politik nur mit der AfD möglich: “Warten Sie erstmal ab, bis im deutschen Bundestag richtige Politiker sitzen. Wie Alexander Gauland! Dann bricht eine ganz neue politische Epoche in Deutschland an.”…Dann werden “nach jahrzehntelangem Darben endlich wieder die Interessen unseres Volkes und unserer Nation in den Mittelpunkt politischer Entscheidungsprozesse gerückt!”
Das Publikum ist jetzt schon hin und weg, ich fix und fertig. Der nächste Redner ist Bernd Höcke, dabei ist die Richtung schon klar, der Ton gesetzt.

Lohnt Teil 2? Wollen Sie das noch lesen?

Ohne Drogen wäre die Welt ein Paradies

Die aktuelle Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist Marlene Mortler: 60 Jahre alt, verheiratet, Mutter, CSU-Mitglied und Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft. Liest sich nicht nach allzu viel Erfahrung im Bereich Suchtmittel? Mag sein, aber der Posten war vermutlich grad frei, die CSU war dran und Frau Mortler hat das kürzeste Streichholz gezogen.

Frau Mortler hat früher mal geraucht und war genau einmal betrunken, wie sie SpiegelOnline verraten hat. Was ihr eine Lehre war, denn den Verlust der Selbstkontrolle mag sie so gar nicht. Sie trinkt gelegentlich noch sehr bewusst ein Glas Wein, aber mehr als ein Achtel darf es nicht sein. Das sind 125ml, jedes Restaurant im Besitz vernünftiger Rotweinkelche definiert ein Glas als 200ml. Man kann also getrost davon ausgehen, dass ihre Erfahrung in diesem Gebiet gegen null geht. Dafür dass Computerspiel- und Onlinesucht aktuelles Schwerpunkt-Thema ihrer Behörde ist, kennt sie sich in der digitalen Welt auch bemerkenswert wenig aus, aber das ist grundsätzlich kein Problem. Man muss kein kiffender Blutelf Stufe 100 auf Heroinentzug sein um sich der Gefahren einer Sucht bewusst zu sein. Um glaubhaft vor Online- oder Computerspielsucht zu warnen, sollte man aber zumindest wissen, wie man einen PC anschaltet. Angesichts ihres Auftrittes bei der Bundespressekonferenz bei der Präsentation des jüngsten Drogenberichtes kann man da bei Frau Mortler allerdings ins Grübeln kommen.

Da war sie auch nach mehrmaliger Nachfrage nicht in der Lage, auch nur ein Computerspiel zu nennen. Als Problemschwerpunkt nannte sie immer wieder „fesselnde“ Spiele, die Jugendliche komplett vereinnahmen. Nun ja, ich war im Grundschulalter geradezu gierig auf jede Partie Rommé im Familienkreis und als Teenie besessen davon, den Endgegner bei ‚Super Mario Land‘ vor meinem Bruder zu besiegen. Ganz zu schweigen von Tetris, hier lag ich sogar gegen Bruder und Vater im Clinch um den aktuellen Highscore. Was uns beides nicht vom Schneemannbauen, Kastaniensammeln und Baumklettern abgehalten hat. Es war sogar täglich noch Zeit für ein gemeinsames Abendessen mit unserer ganz und gar digital uninteressierten Mutter. Falls ich irgendein Klischee vergessen haben sollte: Sorry.

Die digitale Welt spielt erst seit rund 20 Jahren eine Rolle. Handys und später Smartphones, Tamagotchi, Gameboy, Konsolen und mittlerweile komplexe Spiele wie World of Warcraft, Call of Duty oder auch die Sims, Social-Media-Plattformen von StudiVZ und myspace zu facebook und twitter. Kennt jeder seit 1975 Geborene ohne die Analog-Tools ‚Spielplatz‘ und ‚Grillfete‘ googeln zu müssen.

Alle anderen handelsüblichen Rauschmittel sind sogar noch wesentlich länger bekannt. Wer einen uninteressanten Beruf oder ein langweiliges Privatleben hat, trinkt durchaus auch unter der Woche mehr als Frau Mortlers Achtel. Ist beides der Fall kann es auch mal mehr werden. Raucher greifen gewohnheitsmäßig zur Zigarette, dafür braucht es keinen Anlass. Im Zweifel kommen sie auch tagelang ohne Kippe aus. Dann kommt eine akute Stresssituation und man ist dankbar dafür, sich mit „erstmal eine rauchen“ zumindest kurz zum Nachdenken aus der Affäre ziehen zu können. Über Schokoholics, Workaholics und Binge-Watcher diverser Serien reden wir ja noch nicht mal.

Rauschmittel lenken ab. Man kifft, um den Alltag zu erleichtern. Trinkt, um den Alltag zu vergessen. Spritzt, um sich selbst zu vergessen. Raucht, weil man Stress hat. Spielt, um sich endlich mal als Herr der Lage zu fühlen. Kauft sinnlos ein, nimmt Medikamente, isst oder hungert, vögelt sich wahllos durch die Gegend oder müllt sich zwanghaft die eigene Wohnung zu. Kein Süchtiger tut irgendetwas davon, weil er das will. Das ist meine feste Überzeugung. Wer eine Sucht entwickelt, egal in welcher Form, tut das als Ersatz für etwas wesentlich Wichtigeres. Kein Mensch kauft ein oder spielt, um sich mit der Schufa anzulegen. Trinkt und raucht, um die Leidensfähigkeit der eigenen Lunge und Leber zu testen. Das sind Dinge, die man in Kauf nimmt, weil etwas fehlt. Suchtverhalten ist immer ein Ausweichverhalten. Man flüchtet sich in ablenkende oder benebelnde Verhaltensweisen, weil man mit sich selbst und/oder seinen aktuellen Lebensumständen nicht klar kommt.

Diese Ansicht habe ich mir nicht im stillen Kämmerlein ausgeknobelt. Im Rahmen meines Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik habe ich auch einige Suchtkranke kennengelernt. Hauptsächlich Alkoholiker und Medikamentenabhängige. Die Geschichten dazu ähnelten sich immer bemerkenswert. Es ging letzten Endes immer ums Betäuben. Den Schmerz einer kaputten Ehe, die Demütigungen mobbender Kollegen, Einsamkeit, chronische Schmerzen oder die Angst um den Arbeitsplatz.

Die Ansätze von Frau Mortler, Cannabis im medizinischen Bedarfsfall freizugeben oder auch Werbung für Alkohol zu verbieten, empfinde ich als sehr begrüßenswert, richtig und einen Schritt in die richtige Richtung. Von den Gründen einer Sucht scheint sie allerdings Welten entfernt. Schockierende Bilder von pechschwarzen Lungen auf Zigarettenpäckchen und Substitution für Schwerstsüchtige bekämpfen Symptome, keine Ursachen. Und genau deshalb hat mich die letzte Frage im o.g. Interview so derartig aus der Fassung gebracht. Ich zitiere:

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Gesellschaft ohne Süchte lebenswert?

Mortler: Wahrscheinlich wäre es das Paradies.

Wenn nur endlich jeder mit rauchen, saufen und kiffen aufhörte, wäre die Welt also perfekt. Really, Marlene? Die Einstellung, die hinter einer solchen Aussage steht, geht nicht nur meilenweit an der Realität vorbei, sie befindet sich noch nicht mal im selben Universum.

Andererseits insinuierte der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz diese Woche, Edward Snowden könne ein russischer Agent sein und die Belästigung seiner Behörde mit demokratischen Kontrollgremien gewähre möglichen Terroranschlägen Vorschub.

Vielleicht muss man sich halt damit abfinden, dass jeder Kellner intensiver auf seine Eignung für einen Arbeitsplatz geprüft wird als die Leiter von Bundesbehörden. Und wer zum Verdauen dieser Erkenntnis nicht wenigstens einen Schnaps braucht, hat ganz andere Sorgen als eine potentielle Sucht.

 

Sandra

Vor einigen Tagen ist einer meiner liebsten Twitter-Kontakte gestorben. Dazu muss man sagen, dass ich als grundsätzlich misanthropischer Mensch sowieso nur ein gutes Dutzend regelmäßiger DM-Kontakte am Laufen halte. Ich habe durch Twitter grad mal vier Leute persönlich kennengelernt, der erwähnte Kontakt war einer davon. Neben einer recht regelmäßigen Texterei hatten wir die Adventstradition etabliert, jährlich den Nürnberger Christkindelmarkt heimzusuchen. Wir haben Kirchen und Sexshops aufgemischt, die Öffnungszeiten der Marktbuden nach hinten verschoben, russischen Tischgesellschaften den Schnaps abgezockt und zurück im Hotel bis fünf Uhr morgens die Bar mit Gesprächen über das Leben im Allgemeinen und die Liebe im Besonderen unterhalten.

Im letzten Jahr musste sie unser (an und für sich obligatorisches) Treffen absagen, da kam ihre Krankheit dazwischen. Kurz und heftig brauchte die nicht mal ein Jahr um die mir bekannte resolute, lebensfrohe und liebenswerte Freundin an Bett, Ärzte und Kliniken zu fesseln bevor sie sie schlussendlich komplett vereinnahmte und besiegte. Insgesamt absehbar, die Prognose war von Anfang an mehr als schlecht. Rückblickend wäre sie auch besser dran gewesen aus dem guten halben Jahr das ihr blieb alles Menschenmögliche rauszuholen. Wäre meine Reaktion gewesen, ihre war es nicht. Sie entschied sich für den Kampf. Den sie vor wenigen Tagen verloren hat.

Und dann kam Twitter. Dutzende von Postings, wie traurig man doch wäre, was man mit ihr nicht alles erlebt hätte, was für ein toller Mensch sie war, das man sie noch mal würdigen müsste, irgendein Lied hören, blah. Alles schön und gut, kann jeder handhaben wie er lustig ist. Mich kotzt es an. Die Frau war seit Wochen in einer Klinik auf Morphium, ne Woche vor ihrem Tod auf Methadon. Da kam keiner auf die Idee sie mit nem Hashtag zu unterstützen. Zu einem Zeitpunkt, wo sie es noch mitbekommen hätte. Es ihr vielleicht Kraft gegeben hätte. Nicht für den körperlichen Kampf, der war längst verloren. Fürs Emotionale, einfach nur fürs Gefühl. Ja, sie ist mit einem Lächeln eingeschlafen. Aber sicher nicht wegen ihres Twitter-Accounts.

Mag jeder trauern wie er mag, ein Urteil steht mir da nicht zu. Ich hab mit mir genug zu tun. Und dann liest man über drei Ecken, dass diese Freundin ein Fake ist. Objektiv betrachtet könnte sie das tatsächlich sein. Ich hab ihre Nummer, ihre Adresse, dutzende Fotos und mehr als ein persönliches Treffen. Mit genug krimineller Energie könnte das alles gefälscht sein, stimmt. Genau wie ich und mein Account. Sollte es das sein, Glückwunsch an wen auch immer, der sich darauf einen runterholt.

Sollte es das nicht sein: Ich trauere mit euch. Sie war ein großartiger Mensch, einer von der Sorte auf die man nicht verzichten kann. Die man weder verlieren sollte noch möchte. Weil man sie braucht. Weil es noch viel zu viel gibt, was sie hätte erleben sollen.

Sandra war eine von den Guten. Und von denen gibt es sowieso schon zu wenig.

 

Märchen

Jedes Kind kennt Märchen. Vor allem deshalb, weil liebende Eltern sie ihnen regelmäßig zu Gehör bringen, ob sie nun wollen oder nicht. Die lieben Kleinen schlafen schließlich viel besser, wenn man ihnen vorher etwas von kannibalistischen Hexen, komatösen Prinzessinnen und vom Wolf gefressenen Omas erzählt. Neben dererlei Schauergeschichten sind Märchen ein Füllhorn an Stereotypen. Eindimensionale Charaktere in immer derselben Story, deren Ende grundsätzlich ab dem ersten Satz klar vorhersehbar ist.

An der Stelle sei bemerkt, dass hier lediglich von den allseits beliebten Volks- und Hausmärchen die Rede ist, deren Chronisten Wilhelm und Jakob Grimm das unglaubliche Glück hatten, in einer Zeit vor Frauenbewegung und Jugendämtern gelebt zu haben. Kunstmärchen pflegen wenigstens den Anschein von Anstand und gesundem Menschenverstand, hier möge als Beispiel „Die kleine Meerjungfrau“ genügen. Sie tauschte Fischschwanz für Beine, gab ihre Stimme dafür in Zahlung und verließ Hals über Kopf Familie, Freunde und Heimat, um ihren Traumprinzen zu erobern. So weit, so bedauernswert. Spitzenidee, seine komplette Persönlichkeit für einen dahergelaufenen Prinzen aufzugeben. Bei Disney gab’s dafür einen Ehering. Im Original ließ Hans Christian  Andersen die holde Schöne für diese saublöde Idee als Meeresschaum enden.

Aber zurück zu den Volksmärchen. Zur Verdeutlichung zunächst noch ein kurzer Exkurs zu den augenfälligsten Stereotypen:

Dornröschen wuchs heran und war von nie gesehener Schönheit. Die Goldmarie war schön und fleißig, die Pechmarie häßlich und faul. Rapunzel wurde das schönste Kind unter der Sonne. Die Jungfrau Jorinde war schöner als alle anderen Mädchen. Und so weiter und sofort, das Prinzip wird hier schon recht klar. Schönheit ist zumeist völlig ausreichend, um am Ende diverser Turbulenzen einen Traumprinzen zu ehelichen. Falls gerade keine Jäger, Zwerge oder sprechenden Tiere zur Hand sind, die die holde Unschuld vor Ungemach bewahren, empfiehlt sich noch Tugendhaftigkeit, Fleiß und Bescheidenheit. Sofern es sich bei den Tieren wie bei den sechs Schwänen oder den sieben Raben um Verwandtschaft handelt, ist zuweil auch eine hohe Leidensfähigkeit gefragt. Im Ernstfall muss man da schon mal zwölf Jahre schweigen und steht am Ende auf einem Scheiterhaufen. Dies natürlich lediglich wegen des dramaturgischen Effektes. Wer schön, lieb und fleißig ist, bekommt immer ein Happy End mit königlichem Ehering.

Schlechter geht es da in der Regel den Stiefmüttern. Meiner persönlichen Theorie nach haben Kinder unter anderem deswegen eine Heidenangst vor der Trennung ihrer Eltern, weil ihnen von klein auf beigebracht wird, dass Stiefmütter grundsätzlich sadistische Ausgeburten der Hölle sind, die ihre Stiefkinder wahlweise zur Küchenhilfe degradieren, sie im Wald aussetzen oder gleich ganz umbringen wollen. Klassische Methoden reichen hier je nach Zielstellung von Verleumdung und Verbannung über böse Flüche bis zum Gift. Insgesamt sind Stiefmütter nicht sehr einfallsreich bei der Wahl ihrer Mittel, ganz im Gegenteil zu den Strafen, die sie beim Auffliegen ihrer Machenschaften erwartet. Da kann sich glücklich schätzen, wer nur mit seinen zwei gehbehinderten Töchtern zurückgelassen wird. Die Stiefmutter von Brüderchen und Schwesterchen wird am Ende verbrannt, die von Schneewittchen wird in glühende Eisenpantoffeln gesteckt und gezwungen, sich zu Tode zu tanzen und wem das noch nicht ausgefallen genug ist: Die Stiefmutter der zwölf Brüder wird am Ende in ein Fass gesteckt, das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllt ist. An der Stelle Glückwunsch an jedes Kind, das dieses Märchen hört, bevor es weiß was „siedend“ bedeutet.

Den Vätern fallen die Ränkespiele ihrer Frauen meist nicht weiter auf oder sie sterben kurz nach der Hochzeit. Insgesamt werden ältere Herren lediglich als Könige kurz vor der Abdankung oder Produzenten schöner Töchter und tapferer Söhne benötigt. Für die vielen Jungfrauen in Not sind vielmehr edle Recken im heiratsfähigen Alter gefragt. So eine Rettung aus höchster Gefahr ist schließlich völlig sinnlos, wenn am Ende nicht geheiratet wird. Deshalb muss die Dame ja auch immer schön sein: Zwischen Rettung und Hochzeit liegt meist nicht mehr als eine Buchzeile, da bleibt nicht viel Zeit für Charakterstudien, da heißt es optisch begeistern.

Die Prinzen zeichnen sich tendenziell ebenfalls eher durch edle Gestalt und Wagemut als Intelligenz aus. Um sich todesverachtend in eine hundertjährige Dornenhecke zu stürzen oder einen Turm an einem Zopf zu erklimmen ist übermäßige Geisteskraft auch eher hinderlich. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, was ein Volk unter einem Herrscher zu erwarten hat, der seine Angebetete lediglich anhand ihrer Schuhgröße erkennt.

Mit simpler Logik darf man den Gebrüdern Grimm auch nicht kommen. Rotkäppchen erklärt einem Raubtier den genauen Weg zum Haus ihrer kranken und wehrlosen Großmutter. Diese scheint die hässlichste Frau der Welt zu sein, denn ihre Enkelin sieht sich kurz darauf außerstande, sie von einem Wolf zu unterscheiden. Andererseits, wer meint, eine Rentnerin mit Kuchen und Wein zu kurieren, ist vielleicht einfach nur dumm wie zehn Meter Feldweg.

Bei der Feier zu Dornröschens Geburt waren bekanntermaßen nur zwölf der dreizehn Feen im Königreich eingeladen. Weil die goldenen Teller nur für zwölf reichten. Man mag sich fragen, was das für ein Königreich ist, dass zwar dreizehn Feen beherbergt, aber offensichtlich nicht einen einzigen Goldschmied, der imstande wäre, einen verdammten Teller herzustellen, aber das nur am Rande. Gerade hier wird es sogar noch besser: Nachdem elf Feen dem Kind so nützliche Geschenke wie Schönheit und Tugend machten, sprengt die Dreizehnte die Party und wünscht der Kleinen einen frühen Tod. Diese etwas überzogene Reaktion trübt die Feierstimmung beträchtlich, doch da eilt die zwölfte Fee zur Rettung. Sie spricht: „Eure Tochter soll nicht den Tod erleiden, sie soll nur in einen hundertjährigen Schlaf sinken!“ Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Wäre „Eure Tochter soll nicht den Tod erleiden.“ nicht Geschenk genug gewesen? Warum in aller Welt der Schlaf? Und hätte es ein Jahr nicht auch getan? Die Unlogik der ganzen Geschichte gipfelt gegen Ende: Der Prinz küsst Dornröschen, sie erwacht und sinkt verliebt in seine Arme. Wesentlich realistischer wäre das Ganze doch, hätte sie sich nach dem Kuss nochmal rumgedreht und gemurmelt: „Noch fünf Minuten.“

Oder Schneewittchen. Deren Mutter dachte: „Hätt‘ ich doch ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie dieser Fensterrahmen!“ Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, mit Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut und Haaren so schwarz wie Ebenholz. Glück gehabt, kann man da nur sagen. Bei dem Wunsch hätte auch ein Albino mit schwarzer Beulenpest rauskommen können.

Die Grundzüge des klassischen Märchens sind also soweit klar: Wer edlen Gemüts, guten Mutes und tugendhaft bis zur Kotzgrenze ist, geht am Ende als Sieger hervor. Schönheit darf auch nicht fehlen, ist aber schon aufgrund ihres häufigen Auftretens eher als Symbol für Güte, Liebe und Ehrlichkeit zu betrachten. Kommen wir also zu einem Paradebeispiel dieses Gedankens: Die dümmste Trude unter der Sonne erleidet so passiv es nur eben geht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wird durch einen Mann königlichen Blutes errettet und schlussendlich mit einem Traumprinzen vermählt.

Die Gänsemagd

Es lebte einmal eine alte Königin, deren Gemahl war schon viele Jahre tot und ihre Tochter war einem Königssohn versprochen. Als die Hochzeit nahte und die Tochter in das fremde Reich abreisen sollte, packte ihre Mutter viele kostbare Geräte und Geschmeide ein: Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was zu einem königlichen Brautschatz gehörte. Sie gab ihr auch eine Kammerjungfer mit und jede bekam ein Pferd für die Reise. Das Pferd der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen. Kurz vor dem Abschied ging die Mutter in ihre Schlafkammer, schnitt sich mit einem Messerlein in ihren Finger und ließ auf ein weißes Läppchen drei Tropfen Blut fallen. Sie gab der Tochter das Läppchen und sprach: „Liebes Kind, verwahre es gut, es wird dir unterwegs nützlich sein!“ Nun verabschiedete sich die Königstochter von der Mutter, steckte das Läppchen ein, stieg aufs Pferd und ritt fort zu ihrem Bräutigam.

Fassen wir kurz zusammen: Die Königin packt diversen Krempel von allerhöchstem Wert zusammen, schnallt ihn auf zwei Pferde und schickt damit zwei Mädchen auf eine lange Reise quer durch die Botanik. Kann aber nix passieren, ist ja ein blutiges Taschentuch dabei. Schauen wir also, wie die beiden vorankommen.

Eine Stunde waren sie geritten, da bekam die Königstochter großen Durst und sie rief ihrer Kammerjungfer zu: „Steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher Wasser aus dem Bach, ich möchte etwas trinken.“ „Ei, wenn ihr Durst habt, steigt selber ab. Legt euch nah ans Wasser und trinkt, ich will Eure Magd nicht sein.“ Da die Königstochter von heftigem Durst geplagt wurde, stieg sie wirklich herunter und trank aus dem Bach. Da hörte sie die drei Blutstropfen sprechen: „Wenn das deine Mutter wüsste, ihr zerspränge das Herz im Leibe.“

Mal ganz abgesehen davon, dass jeder vernünftige Mensch direkt dort am Bach vom Herzanfall getroffen niedersänke, sobald Mamas Tempo anfängt zu reden: Hätte man den Kindern nicht neben kiloweise güldenem Plunder ne Karaffe Wasser mitgeben können? Und auch wenn das Zauberwörtchen gefehlt hat, eine deutliche Warnung, gegebenenfalls mit Abmahnung hätte die Angestellte hier durchaus verdient.

Doch die Königstochter war sehr demütig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferde. So ritten sie etliche Meilen weiter, die Sonne brannte und es dürstete die Braut bald von neuem. Als sie nun an einen Fluss kamen, sagte sie wieder zu ihrer Kammerjungfer: „Steig ab und gib mir aus meinem Goldbecher zu trinken!“ Jedoch die Kammerjungfer sprach noch hochmütiger als zuvor: „Wollt Ihr trinken, so trinkt allein, ich will nicht Eure Magd sein!“

Ja sicher, Kleines. Warum in aller Welt sollte sie absteigen, wenn die Ansage beim ersten Mal widerspruchslos funktionierte? Schmeiß das unzuverlässige Ding raus und reite allein weiter!

Wieder stieg die Königstochter, vom Durst geplagt, vom Pferd und beugte sich über das fließende Wasser.

Oder so.

Während die Prinzessin trank, fiel ihr das Läppchen mit den drei Blutstropfen in das Wasser und schwamm fort, ohne dass sie es in ihrer großen Angst bemerkte. Die Kammerjungfer hatte das beobachtet und freute sich, nun Macht über die Braut zu haben.

Selbst wenn man hinnimmt, dass Muttis Rotzfahne das Töchterlein beschützte: Woher in aller Welt wusste das die zickige Magd? Wieso passt die Trude nicht besser auf ihre Habseligkeiten auf? Und wieso hat sie dem vorlauten Gör nicht längst nen Ast über die Birne gezogen?

Als die Königstochter wieder auf ihr Pferd steigen wollte, sagte die Kammerjungfer: „Auf Falada reite ich, meinen alten Gaul magst du nehmen!“ Die Prinzessin musste es sich gefallen lassen.

 Warum auch immer sie das musste. Ich halte den Ast für eine sehr plausible Alternative.

Die Kammerjungfer zwang sie auch, ihre königlichen Kleider auszuziehen und dafür die schlechten Magdkleider anzulegen.

Mit vorgehaltener Waffe? So gib dem Kind doch einer einen Ast!

Endlich musste sie noch unter freiem Himmel schwören, am Königshof zu keinem Menschen darüber zu sprechen. Hätte sie diesen Eid nicht geleistet, wäre sie von der Magd auf der Stelle umgebracht worden. Falada sah alles mit an und merkte es sich gut.

Mit einem Ast?!? Na gut. Lassen wir das mal so stehen. Offensichtlich hatte Mama ein deutlich besseres Händchen für die Auswahl von Nutztieren als bezüglich verlässlicher Angestellter.

Die Kammerjungfer setzte sich nun auf Faladas Rücken und die wahre Braut musste mit dem schlechten Pferd vorliebnehmen. So zogen sie weiter bis sie endlich im königlichen Schloss eintrafen. Dort war die Freude über ihre Ankunft groß. Der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerjungfer vom Pferde und glaubte, sie sei seine Braut. Sie wurde die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter aber musste unten stehenbleiben. Der alte König schaute auf den Hof und sah sie dort in ihrer feinen, zarten Gestalt. Er fragte die vermeintliche Braut, wen sie mitgebracht hätte. „Ei, die hab ich mir zur Begleitung mitgenommen, gebt der Magd etwas zu arbeiten, damit sie nicht müßig ist.“ Doch der alte König hatte keine Arbeit für sie und sagte: „Sie kann dem kleinen Hütejungen helfen, die Gänse auf der Wiese zu halten!“ Bald danach sprach die falsche Braut zu dem jungen König: „Liebster, ich bitte Euch, tut mir einen Gefallen!“ „Das will ich gern tun!“ „So lasst den Schinder rufen und dem Pferd, auf dem ich her geritten bin, den Kopf abschlagen; es hat mich unterwegs geärgert.“ Sie fürchtete, das Pferd könnte sprechen und erzählen, was sie der Königstochter angetan hatte.

Die allerbeste Gelegenheit, genau das zu tun, hat das Tier zwar schon bei Ankunft auf dem Schloss vertan, aber sicher ist sicher. Prinzesschen ist stumm wie ein Fisch und folgt wie ein Schaf, das weiß die gerissene Magd ja inzwischen.

Die rechte Königstochter hörte davon und versprach dem Schinder heimlich, ihm viel Geld zu bezahlen, wenn er ihr einen kleinen Dienst erweisen wolle. In der Stadt war ein großes, finsteres Tor, durch das sie abends und morgens mit den Gänsen gehen musste. „Nagelt Faladas Kopf unter das finstere Tor, damit ich ihn noch einmal sehen kann!“ bat sie. Der Schinderknecht versprach es ihr, schlug Faladas Kopf ab und nagelte ihn unter dem Tor an.

Viel mehr ist mit dem Geld einer Königstochter wohl nicht zu machen. Man hätte den Gaul auch freikaufen können, damit er nach Hause läuft und Mutti von dem ganzen Elend erzählt, aber Kopf abhacken und am Tor aufhängen ist ja auch sehr nett.

Früh am anderen Morgen, als sie mit Kürdchen, dem Hütejungen, die Gänse durch das Tor trieb, sprach sie im Vorbeigehen: „O du Falada, da du hangest!“ Der Kopf antwortete:

„Wenn du dämliche Kuh auch nur ansatzweise nen Arsch in der Hose hättest, wäre mir das erspart geblieben!“

Der Kopf antwortete: „O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüsste, das Herz tät ihr zerspringen!“

Oder so.

Sie ging still weiter, zur Stadt hinaus und trieb die Gänse aufs Feld. Auf der Wiese setzte sie sich nieder und löste ihre Haare. Die glänzten silbern und Kürdchen freute sich über diesen Glanz und wollte ihr ein paar Haare ausziehen. Darauf sagte sie: „Weh! Weh Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen, und lass ihn sich mit jagen, bis ich mich geflochten und geschnatzt und wieder aufgesatzt.“

Im Ernst?!? Sie lässt sich von ihrer Magd widerspruchslos um Namen, Kleider, Pferd und Rang bringen, aber wenn der Gänseknecht ein paar Haare will, ruft sie die Kraft der Elemente zu Hilfe? Mal ganz abgesehen davon, dass bei dem Bengel ein paar klare Worte oder notfalls eine Ohrfeige sicherlich Eindruck genug machen würden. Aber das hat sie bei der hinterlistigen Ziege ja schon nicht zustande gebracht. Zu tugendhaft, ist klar.

Gleich kam ein starker Wind und wehte Kürdchen das Hütchen weit fort über die Wiese, so dass es ihm nachlaufen musste. Bis es wiederkam, war die Königstochter mit dem Kämmen und Aufstecken fertig und der Junge konnte keine Haare bekommen. Darüber war Kürdchen so böse, dass er nicht mit ihr sprach. Bis zum Abend hüteten sie die Gänse und gingen dann heim.

Um das ganze mal abzukürzen: Das geht noch ein paar Tage so weiter, dann hat Kürdchen die Nase voll und geht zum König. Der ist offensichtlich höchstselbst für die Personalie des Gänsehirten zuständig. Kürdchen erzählt ihm vom sprechenden Pferdekopf und dem Wind, der ihm jeden Tag auf Wunsch des Mädchens den Hut klaut. Statt dem Bengel zu verbieten, ihn mit derartigen Fantastereien zu belästigen und weil er mit Regieren anscheinend nicht ausgelastet ist, entscheidet sich der König für eine angesichts seiner Stellung recht unkonventionelle Vorgehensweise:

Der alte König befahl ihm, am nächsten Morgen wieder mit dem Mädchen hinauszugehen. Als es Morgen geworden war, setzte sich der alte König hinter das finstere Tor und hörte dort mit eigenen Ohren, wie die Jungfrau mit Faladas Haupt sprach. Dann ging er ihr auch auf die Wiese nach und verbarg sich in einem Busch. Bald sah er nun, wie die Gänsemagd und der Gänsebub die Herde herantrieben. Nach einer Weile setzte sie sich und löste ihre Haare, die vor Glanz strahlten. Dann sprach sie wieder: „Weh! Weh Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen, und lass ihn sich mit jagen, bis ich mich geflochten und geschnatzt und wieder aufgesatzt!“ Da kam ein Windstoß und entführte Kürdchens Hut, dass es weit zu laufen hatte. Die Magd kämmte und flocht ihre Locken in aller Ruhe.

Die Prinzessin ist offenbar Spätaufsteherin. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie erst auf der Wiese dazu kommt, ihre Haarpracht ordentlich zu sortieren. Und zwar jeden verdammten Tag. Ungeachtet dessen sollte auch ein Gänsehirt inzwischen begriffen haben, dass er die Dame und ihre Locken entweder in Ruhe lassen, seinen Hut festschnallen oder erst gar keinen aufsetzen sollte.

Als der König das beobachtet hatte, ging er unbemerkt aufs Schloss. Nach ihrer Rückkehr rief er die Gänsemagd zu sich und fragte sie, warum sie das alles tue. „Das darf ich weder Euch noch einem anderen Menschen sagen. Unter freiem Himmel habe ich das geschworen, sonst wäre ich um mein Leben gekommen.“

Schwüre unter freiem Himmel sind schließlich bindend. Auch die, die unter Todesdrohung von hinterlistigem Personal erpresst werden. Auch ich hoffe, meine Kinder nehmen sich daran dereinst ein Beispiel und lassen sich von jedem Hinz und Kunz aufs Gröbste übervorteilen.

Doch der König drang in sie: „Wenn du es mir nicht erzählen willst, so sollst du es wenigstens dem Kachelofen sagen.“

 Interessante Strategie. Und wie zu erwarten war, Prinzesschen denkt nicht eine Minute nach, was das soll.

„Das will ich tun.“ antwortete sie. Sie kroch in den Ofen und schüttete ihm ihr ganzes Herz aus, wie es ihr ergangen und wie sie von der bösen Kammerjungfer betrogen worden war.

Betrogen ist nicht unbedingt das Wort der Wahl. Im Wesentlichen hat die Frau lediglich beschlossen, dass ein Rollentausch angemessen wäre und du hast nicht einmal widersprochen. Aber gut, weiter im Text. Beziehungsweise im Ofen.

Der Ofen hatte aber oben ein Loch, durch das der alte König alles mit anhörte.

Echt raffiniert, der Alte. Ohne mich allzu sehr in Mutmaßungen zu ergehen, die Kammerjungfer wäre wohl nicht so leicht zu übertölpeln gewesen. Aber um Intellekt geht es ja bekanntlich nicht. Kommen wir deshalb zum altbekannten Ende.

Nun wurde alles gut. Die Königskleider wurden ihr angezogen und sie schien schöner denn je zu sein.

 Wer hätte das gedacht.

Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, dass er die falsche Braut habe. Die sei nur ein Kammermädchen. Die echte aber stehe hier und sei so lange Gänsemagd gewesen. Herzensfroh war der junge König, als er ihre Schönheit erblickte.

Man sollte meinen, so ein Prinz hätte die ein oder andere Rückfrage bezüglich dieser haarsträubenden Story, immerhin soll er diesen Ausbund an Naivität und Duldsamkeit heiraten, aber hey, sie ist schön, was soll‘s.

Ein großes Mahl wurde ausgerichtet, zu dem viele Gäste und alle guten Freunde gebeten wurden. Oben an der Tafel saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen und die Kammerjungfer zur anderen Seite. Doch die Kammerjungfer war wie geblendet und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf: „Was ist eine wert, die ihren Herrn betrogen hat?“ fragte er und erzählte alles, was er von der Königstochter gehört hatte.

Klare Sache. Sie dachte zwar sogar daran, den sprechenden Gaul aus der Welt zu schaffen, aber wer dieses wunderhübsche junge Ding an der anderen Seite ihres Zukünftigen ist, interessiert sie plötzlich nicht. Und die Nacherzählung des Königs scheint ihr auch kein bißchen bekannt vorzukommen. Sehr plausibel.

„Die ist nichts besseres wert“ sprach die falsche Braut, „als splitternackt ausgezogen und in ein Fass geworfen zu werden, das innen mit spitzen Nägeln beschlagen ist. Zwei weiße Pferde sollen davor gespannt werden, die sie straßauf, straßab zu Tode schleifen!“

Der König sprach: „Das wäre die Strafe für dich. Aber um dir zu zeigen, was Güte ist, vergebe ich dir und deinem bösen Herzen. Der qualvolle Tod bleibt dir erspart, aber du wirst für den Rest deines Lebens die Gänse hüten.“ Ach nein, Moment, ist ja ein Märchen für Kinder:

„Das bist du“ sprach der alte König, „du hast dein Urteil selbst gesprochen.“ Nachdem es vollzogen war, vermählte sich der junge König mit seiner rechten Braut und beide regierten ihr Reich in Frieden und Glückseligkeit.

Und jetzt schlaft schön, liebe Kinder und immer dran denken: Die Welt kann sehr grausam sein, aber wenn ihr schön, tugendhaft und idealerweise noch adlig seid, wird am Ende alles gut.

 

 

 

 

 

 

 

Wer die Wahl hat…

Update: Es gab da einige Unklarheiten, deshalb noch mal ein Statement. Dieser Post hat nichts mit radikalen Wählern zu tun. Wenn 90% einer Gemeinde aktiv bestimmt, die nächsten Jahre Nazis oder Kommunisten als kommunale Entscheider zu haben, dann bitte. Da gibt es offensichtlich einen klaren Willen der Bevölkerung, sich von ideologisch verblendeten Arschgeigen regieren zu lassen, die sowohl internationales als auch EU-Recht ignorieren, um ihr Parteiprogramm mehrheitstauglich zu formulieren. Dann soll es halt so sein.
Was ich einfach nicht ertrage, ist der Gedanke dass sich die Mehrheit der Wahlberechtigten einfach sagt „bringt nix“ oder „sind alles Idioten“, den Wahlsonntag eierschaukelnd auf der Couch verbringt und sich abends dann wieder online lautstark über Rechts, Links, Merkel und/oder Europa beschwert. Was auch immer jemand für ein Statement hinter seiner Wahlverweigerung vermutet: Nein. Ihr werdet einfach rausgerechnet. Ende.
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In Hessen waren heute Kommunalwahlen. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 40%, ein endgültiges Ergebnis wird wohl erst im Laufe der Woche vorliegen. Klarer Sieger ist die AfD, die zweistellige Prozentzahlen für sich verbuchen kann, soviel ist bereits absehbar.

So weit, so schrecklich. Bei all dem Krawall, der hierzulande bei Demonstrationen, auf facebook, an Stammtischen und in Leserkommentarspalten veranstaltet wird, verschenken 60% der Leute ihre einzige Möglichkeit der direkten Einflussnahme. Ich will gar nicht auf den Hessen rumprügeln, in kaum einem anderen Bundesland hätte das großartig anders ausgesehen. Ich kann nur ums Verrecken nicht verstehen, wie man sein Wahlrecht verschenken kann.

In diesem Land wird einem die Demokratie quasi in den Arsch geschoben! Vom Bürgermeister bis zum Bundestag darf man alles wählen, man bekommt rechtzeitig ein Kärtchen mit allen wesentlichen Infos zugeschickt, Wahllokale sind in aller Regel fußläufig erreichbar und wer Sonntage lieber auf der Couch verbringt, kann per Brief abstimmen. Der nicht mal frankiert werden muss.

Die Abstimmung ist geheim. Man kann ein Kreuz ganz rechts und eins ganz links machen, alles ankreuzen oder Strichmännchen auf den Zettel malen. Wird keiner je danach fragen. Gewählt wird an einem für die Mehrheit der Bevölkerung arbeitsfreien Tag, man hat zehn Stunden Zeit dafür. Und selbst Leute, die arbeiten müssen, dürfen gegebenenfalls später kommen oder früher gehen, wenn die Schicht zu kurzfristig für Briefwahl angesetzt wurde. Das staatsbürgerliche Recht zur Wahl darf kein Arbeitgeber verweigern.

Man muss sich auch nicht großartig mit Parteiprogrammen rumschlagen. Ein paar Eckdaten im Wahl-O-Mat eingeben und der sagt einem dann schon, mit wem man am besten übereinstimmt. Man darf auch den ganzen verdammten Tag im Wahllokal verbringen, um sicherzugehen, dass da alles mit rechten Dingen zugeht. Oder sich gleich selber als Wahlhelfer bewerben. Das Wahlsystem ist ein klein wenig kompliziert, aber mit durchschnittlicher Intelligenz kann man sich innerhalb einer Stunde unter aktiver Mithilfe von Tante Google die Einzelheiten von Erst- und Zweitstimme, Mehrheits- und Verhältniswahl draufschaffen. Kann man aus meiner Sicht von mündigen Bürgern, die so unheimlich gern mitreden wollen, erwarten. In einer komplexen Welt gibt es nun mal keine Post-It-Wahlzettel mit Ja-Nein-Vielleicht-Auswahl.

Vielleicht liegt es an meiner Vergangenheit, dass ich lieber Graue Panther oder die Tierschutzpartei wähle als daheim zu bleiben. Meine Großmutter ist 1920 geboren. Sie hatte ihr Leben lang nie wirklich eine Wahl und auch meine Eltern mussten fast vierzig Jahre alt werden, um eine Stimme zu bekommen, die tatsächlich zählt. Ich erinnere mich gut an 1990, als wir alle zusammen zur letzten Volkskammerwahl der DDR gingen, der ersten und einzigen nach demokratischen Grundsätzen. Ich hatte noch keine Stimme und wusste auch nicht genau, worum es eigentlich geht. Aber alle hatten ihre feinsten Sachen an und allein das schon musste bedeuten, dass es um etwas sehr Wichtiges ging.
Zum ersten Mal selbst wählen durfte ich 1998. Da war ich extrem stolz drauf und hab alles gelesen, was ich finden konnte um die aus meiner Sicht beste Wahl zu treffen. Es ist seitdem nicht leichter geworden. Wahlversprechen kann man nicht glauben, Bundestagsdebatten sind ermüdend und Parteiprogramme elende lang. Man muss auch scheinbar unwichtige Abstimmungen zumindest am Rande verfolgen, um festzustellen wer einen am besten vertritt. Weil Volker Beck drogenabhängig und Claudia Roth nervig ist, sind die Grünen nicht unbedingt schlecht. Genauso wenig wie die SPD ein Vorbild in Sachen Feminismus ist, weil ihr Vorsitzender mal drei Tage bei der kranken Tochter bleibt. Oder die CSU verdammenswert, weil sie einen Vollidioten zum Chef und einen machtgeilen Populisten als bayrischen Finanzminister hat.

Fakt ist, dass die Bedingungen des demokratischen Systems in Deutschland für die Mehrheit der Zweiten, Dritten und Vierten Welt ein feuchter Traum sind. Selbst in fortschrittlichen Industriestaaten wie den USA muss man sich selbst kümmern und als Wähler registrieren. Das macht hierzulande das Einwohnermeldeamt quasi nebenbei. Angela Merkel mag nicht jedem gefallen, aber zumindest müssen wir ihr nicht hungernd bei einer luxuriösen Geburtstagsfeier zuschauen wie kürzlich die Bevölkerung von Simbabwe das bei ihrem Chef musste. Man braucht keine Angst vor persönlichen Racheakten der Taliban zu haben wie die Wähler 2009 in Afghanistan. Wer nicht von diversen Verschwörungstheorien geplagt wird muss sich noch nicht mal Sorgen um den ordnungsgemäßen Ablauf der Wahl machen.

Nichtwählen ist einfach keine Option. Ich hab auch schon die Tierschutzpartei angekreuzt, weil ich mich ums Verrecken mit keinem Kandidaten anfreunden konnte. Aber die Stimme zählt. Nichtwähler werden schlicht und ergreifend nicht gehört. Nicht gezählt. Wozu auch? Soll das Kanzleramt dann vier Jahre leer bleiben, weil nicht mal die Hälfte der Deutschen zur Bundestagswahl gegangen ist?
Nicht wählen ist kein Statement gegen die etablierte Politik. Dafür gibt es facebook und Spiegel-Online-Kommentare. Nicht wählen ist Schweigen, wenn es darauf ankommt. Und das Letzte, was dieses Land braucht ist eine schweigende Mehrheit.

Die Mutti und der Schorsch

Bundeskanzlerin Angela Merkel traf sich heute mit Vertretern des International Rescue Council (IRC), einer global agierenden Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Kriegsopfer. 1933 auf Vorschlag Albert Einsteins gegründet, unterstützt das IRC heute einerseits Flüchtlinge in den USA, andererseits ist es in Krisengebieten weltweit aktiv. Neben dem Vorsitzenden des IRC, dem ehemaligen britischen Außenminister David Miliband, nahmen die Menschenrechtsanwältin Amal Clooney und ihr Mann George an dem Gespräch teil.

Als renommierte Juristin mit den Spezialgebieten Internationales Recht, Menschenrechte sowie Auslieferungs- und Strafrecht ist Frau Clooney bereits seit Jahren für die Vereinten Nationen und verschiedene Regierungen tätig. Unter anderem beriet sie den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan bei seiner Arbeit als Sondergesandter der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga für Syrien.

George Clooney ist Mitglied des Council of Foreign Relations, einer der weltweit bedeutendsten Think Tanks mit Fokus auf internationaler Außenpolitik. Für sein humanitäres Engagement unter Nutzung seiner hauptberuflich erworbenen öffentlichen Bekanntheit wurde er zum UN-Friedensbotschafter ernannt.

Beide engagieren sich seit Jahren im IRC.

Rund eine Stunde lang wurden Ursachen der aktuellen Flüchtlingskrise sowie die Möglichkeiten, Menschen für humanitäres Engagement zu sensibilisieren, erörtert. Besonderer Fokus lag auf der Frage, wie Regierungen und Nicht-Regierungsorganisationen wie der IRC optimal zusammenarbeiten können, um Flüchtlingen dauerhaft und nachhaltig zu helfen.

Soweit die tabloid-bereinigte Meldung.
Interessiert aber keinen, weil GEORGE CLOONEY. Hollywood-Star, Sexiest Man Alive a.D., Oscar-Gewinner, Alles-Mögliche-Andere-Gewinner, Frauenschwarm, Millionär (nehme ich an) und was weiß ich nicht noch alles. Und das mit dem humanitären Engagement ist ja auch ganz toll, so ein guter Mensch *schmelz*.
George Clooney ist und bleibt anscheinend Doug Ross, der umwerfend gutaussehende, charmante und herzensgute Kinderarzt aus ‚Emergency Room‘. Dass er seit Jahren auch als Regisseur überzeugt und überwiegend Filme mit politischer Botschaft dreht, wird registriert, aber nicht wirklich ernst genommen. Das humanitäre Engagement dient im Wesentlichen der Untermauerung seines Images als toller Mensch.

Soweit die öffentliche Meinung. Die zum heutigen Treffen mit der Kanzlerin nur Perlen wie „Der ist doch bloß Schauspieler“, „Bin gespannt, wann Obama dann Til Schweiger einlädt“, „Kevin Kline hat auch mal nen Präsidenten gespielt, ladet den doch mal ein“ und „Hihi, die Angie wollte doch bloß mal den Clooney treffen“ beizutragen hat. Ach so, und Kaffeekapseln. Was auch immer Sie daraus für einen Gag basteln, er wurde heute bereits gemacht.

Offizielle Pressemitteilungen differenzierten da schon eher. Brachten zumindest etwas Substanz in die Sache. Andererseits war auch hier der größte Brüller des Tages die Meldung der Tagesschau, die Amal Clooney in den Fokus setzte, lediglich erwähnte, dass ihr Gatte Schauspieler sei und David Miliband gleich ganz wegließ. Weil Feminismus und so.
Angesichts der Schwierigkeiten, die ich heute mit der Recherche zu Amal Clooney hatte, ist das verständlich. Die ersten beiden Google-Seiten beschäftigen sich wahlweise mit ihrer Figur, ihrem Styling oder ihrer Traumhochzeit. Wie sie George kennengelernt hat, was beide aneinander finden, wie sie so leben, wann es Nachwuchs geben soll und was es mit den bösen Trennungsgerüchten auf sich hat.

Da können die beiden aber nichts dafür. Die Tatsache, dass sie eine Hollywoodgröße geheiratet hat, sollte Amal Clooney nicht auf ihre Optik reduzieren.

Andererseits sollte auch die Tatsache, dass er eine Lichtgestalt der internationalen Justiz geheiratet hat, nicht das Engagement von George Clooney schmälern.

Und beides sollte nicht der Meldung im Weg stehen, dass sich unsere Regierungschefin Angela Merkel heute mit einer der wichtigsten amerikanischen NGOs im Bereich Flüchtlingsfragen getroffen hat.

Karneval

Der Karneval ist erfunden worden, um der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten. Ohne jetzt in detaillierte historische Beschreibungen abgleiten zu wollen, in den tollen Tagen unmittelbar vor der Fastenzeit wurden immer schon Standesgrenzen fallen gelassen, unziemliche Dinge gesagt, ausgelassen gefeiert und maßlos getrunken. Der grundlegende Sinn, ‚denen da oben‘ mal richtig die zu sagen, ist heutzutage freilich obsolet.

 
Inzwischen darf man das nämlich.
Solange es nicht substantiell gegen die geltende Gesetzgebung verstößt, darf man seine Meinung frei sagen, darf demonstrieren, Briefe an Kanzlerin, Bundespräsidenten, den eigenen Abgeordneten oder wen auch immer schreiben, sich öffentlich im Netz oder halböffentlich am Stammtisch äußern.

 
Und weil das ein grundlegendes Recht ist, fährt durchs oberbayrische Ilmtal ein Wehrmachtspanzer aus Pappe, links mit der Aufschrift „Ilmtaler Asylabwehr“, rechts „Asylpaket III“. Es gibt noch kein drittes Asylpaket, aber der Idee der Faschingsnarren zufolge wäre es wohl militärisches Vorgehen gegen Flüchtlinge. Irgendwie anders, vielleicht sogar satirisch lässt sich dieser Beitrag jedenfalls nicht interpretieren.
Im thüringischen Wasungen gab es einen grünen Zug. Auf der Lok stand „Balkanexpress“ und die Aufschrift „Die Plage kommt“. Dahinter ein Waggon mit als Heuschrecken verkleideten Narren. Fast verwunderlich, dass sie einen normalen Personenwagen gebastelt haben, keinen Viehwaggon.
Verteidigt wurde diese Geschmacklosigkeit mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung, Satire und der knapp 500jährigen Tradition des Wasunger „Volks“karnevals. Reaktionen des Publikums: „Sie haben nicht ganz unrecht.“, „Viele denken so.“ und „Find ich gut, dass auch sowas mal thematisiert wird.“
In Solingen war ein gebasteltes U-Boot unterwegs, Aufschrift „Sie sollen kämpfen für ihr Land, anstatt zu grabschen mit der Hand“. Das ist so dermaßen platt, überheblich und verallgemeinernd, dass ich nicht mal Worte dafür finde.
Es gab bundesweit noch einige andere Beiträge zu „Kritik an der Asylpolitik“, aber dazu fehlt mir jetzt die Geduld. Belassen wir es bei diesen Perlen.

 
Sowas macht mir Angst. Sowas gab es schon mal. Vor nicht mal 100 Jahren gab es Karnevalswagen zu bejubeln, auf denen vorurteilsgerecht zurechtgeschminkte Juden lächerlich gemacht wurden. Mir wird schon mulmig bei den einschlägigen Kommentaren im Netz, aber das hat noch mal eine andere Qualität. Das sind keine Online-Hetzereien, geäußert in der jeweiligen Filterbubble. Das sind öffentliche Statements vor Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Zuschauern.

 
Und offensichtlich ist man sich sicher. Wer auch immer diese Wagen gebaut hat, ist sich sicher gewesen, nicht bereits auf den ersten drei Metern ausgebuht und beschimpft, nach dreißig Metern verkloppt und am Ende des Zuges mit Anzeigen überhäuft zu werden.
Mag sein, dass sich jetzt Polizei und Staatsanwaltschaft mit diesen Deppen befassen. Ich find es schlimmer, dass sie den Zug (teilweise mit zustimmendem Publikum) überstanden haben. Denn wenn die grundsätzliche Angst vor dem Anderen wieder mehrheitsfähig ist, schaffen wir keine 100 Jahre Demokratie. Vielleicht nicht mal 90.